Es war der Floh und nicht das Klima

Beim Flug über Kassel hatten wir ein kleines Malhör.

Floh über Bord. Und so geschah das Unfassbare …
Lord Nelson sprang wagemutig hinterher, um aus den Trümmern zu berichten.
Eines der populärsten Kunstwerke der diesjährigen documenta wurde vom Floh zu Fall gebracht. “Template” des chinesischen Künstlers Ai Weiwei war ein zwölf Meter hoher Holzturm, der aus Türen und Fenstern alter, dem chinesischen Bauboom zum Opfer gefallener Häuser bestand. Wenige Tage zuvor hatten noch der Bundespräsident unter dem Bau gestanden.Doch Ai sagte zu Lord Nelson “Das ist besser als vorher. Jetzt wird die Kraft der Natur sichtbar. Und Kunst wird durch solche Emotionen erst schön. Der Preis hat sich soeben verdoppelt.” 

Da sind wir aber beruhigt, denn der Floh hat keine Haftpflichtversicherung in der Höhe. Auf den Schreck hin wollten Nelson und Floh die Gelegenheit zu einem Ausflug in die Reisfelder unternehmen. Direkt vor dem Schmuckstück der Stadt, Schloss Wilhelmshöhe, durfte der Thailänder Sakarin Krue-On den Park auf 7000 Quadratmetern aufreißen – um Reis anzupflanzen. Künstler und Ausstellungsmacher wollten so mit dem Kontrast aus klassizistischem Schloss und barfuß im Schlamm steckenden Arbeitern spielen. “Die Gegensätze der Globalisierung bis in unsere Wohnzimmer gebracht”, wie Bundespräsident Horst Köhler es in Kassel ausdrückte.
Spezialisten aus Fernost verwandelten den sanften Hang in glitschige Terrassen, damit der Reis auch in Nordhessen eine Chance bekam. Er nutzte sie nicht. Keiner hatte bedacht, dass der Hügel vor 300 Jahren aufgeschüttet worden war. Das Wasser versickerte im lockeren Boden, und noch mehr kann Sakarin nicht bewässern lassen, weil sonst der ganze Hang abrutschen könnte. Der Künstler bleibt optimistisch: “Sakarin ist völlig gelassen, auch wenn er jetzt wohl von Nassreis auf Trockenreis umstellen muss”, hieß es von der Documenta. Statt der traditionellen Methoden ist jetzt erst einmal die Gardena-Brause dran. Zudem flehten die Thailänder mittels Räucherstäbchen die Götter um Beistand an.

Die nächste Panne lockte mit einer roten Einzelblüte … Auf dem Friedrichsplatz sprießt es zwar in vollem Grün – nur nicht in Rot. Eigentlich hatte die Kroatin Sanja Ivekovic den großen Platz in der Mitte der Museumsbauten in ein wogendes Meer aus Mohn verwandeln wollen. Erinnerung an Soldatengräber? Oder die Rauschgiftfelder Afghanistans? Die Diskussion erübrigte sich, weil wochenlang nur Unkraut, aber nicht ein Mohnpflänzchen zu sehen war. Besucher standen ratlos vor dem Sandplatz, bis sich jetzt das erste zarte Rot zeigte. documenta-Chef Roger Buergel nahm das Pflänzchen sogar höchstselbst in Augenschein.

Lord Nelson tröstet sich jetzt mit einer doppelten Pizza Tonno mit doppelt Käse, dass er seinen Flug nach Malle für die documenta aufgegeben hat. Der Floh versucht einstweilen, ihn mit Geschichten aus seiner Zirkusvergangenheit zu trösten. 

~ von walnussastoria3archiv am Mai 8, 2008.

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