Am Morgen danach
Komasaufen – ein neuer Begriff für hemmungsloses und grenzenloses Trinken der heutigen Art. Alkohol ohne Limit – eine Flatrate für die Besinnungslosigkeit. Die Grenzen sind fließend zwischen “ein bißchen Spaß muß sein” und dem Dumpfem “einer geht noch, einer geht noch rein”. Für Jugendliche wächst sich die “all-you-can-drink”-Mentalität zur zeitgeistlichen Bedrohung der Gesundheit und der Gehirnzellen aus. Längst ist es kein Spaß mehr zwischen jugendlich beworbenen Alko & Pops aufzuwach(s)en.
Wo sind sie geblieben, die besonderen Nächte, in denen wir uns umschwärmen wie Motten das Licht?

In der Nacht sind alle Katzen grau?
Am anderen Morgen jedoch …
… sind die Blumen ertrunken, das Portemonaie liegt im Kühlschrank, die Wäsche ist gewaschen, aber leider auf 90 Grad und alles ist verfärbt und eingelaufen, dafür aber wenigstens aufgehängt, auf dem Anrufbeantworter findet sich eine neue Nachricht, in der sich der Nachbar über das nächtliche Staubsaugen beschwert und mit immer lauter werdender Stimme noch ein verzweifeltes: “Ich weiß, dass Sie da sind” krächzt und damit droht, demnächst nie wieder die Postpakete stellvertretend anzunehmen …
Auf dem Weg in die Küche entdeckt man ein neues Kunstwerk, das stolz im Flur prangt: die Premierenkarten für heute Abend, eingekleistert in ein Gemisch aus Zahnpasta und Uhu, wohlplaziert auf dem Weihnachtsstickbild von Schwiegermutter, die nachher kommt, um auf die Kinder aufzupassen … das vorgekochte Essen ist gänzlich verschwunden, nur die leeren Schüsseln im Mülleimer zeugen noch davon und – irgendwie schmerzt der Bauch – keine Lust auf Frühstück.
Also erstmal ins Bad, wo im Spiegel ein asymetrischer Haarschnitt und Locken auf dem Vorlegeteppich davon zeugen, dass es wieder einmal passiert ist … dann ein Aufschrei, als sich die Blicke mit dem geliebten Ehepartner im Spiegel treffen und dessen Frisur auch irgendwie erschreckend aussieht …
Und dann beginnt das bekannte Prozedere der gegenseitigen Beschuldigungen … DU hast wieder … NEIN DU … und es ist nicht zu klären ob Du oder Du es war … und wenn es ein guter Morgen ist, einigt man sich darauf, dass es vermutlich Beide waren und erinnert sich, an das “in guten und in schlechten Zeiten” … ach irgendwie schaffen wir das schon …*
Tage später hört man die Kumpane der Nacht erzählen, Du und ich seien gesehen worden, beim Heimweg, als Du und ich in Schlangenlinien um die Rinnsteine und Pfützen gingen, um die Sterne, die sich darin spiegelten, nicht zu zertreten.
Sind wir nicht alle ein bißchen Marlene?
* [Anmerkung der Setzerin] Die Pünktchen müssen gezielt eingesetzt werden …

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